Vortrag Professor Dr. Wolfgang Maennig

Ich höre einen Vortrag vor Alumni (aktuell und ehemals Geförderte) der Deutschen Studienstiftung. Mein Nachbar hat ihn mit-organisiert und lud mich ein. Prof. Dr. Maennig ist ehemaliger Olympiasieger im Rudern und klarer Befürworter der Bewerbung. Er zeigt in seinem Vortrag, dass es keine positiven Effekte auf Arbeitsplätze, Einnahmen und Übernachtungszahlen durch die olympischen Spiele geben wird. Er zeigt anhand von Kennzahlen, dass Hamburg sehr gute Chancen hat.

Er zeigt, wie fragwürdig Volksabstimmungen sind, da an ihnen die Gesellschaft nicht gleichmäßig teilnimmt. Er zeigt, dass die Bürger große Stadien nicht in ihrer Nähe haben wollen. Im Grunde liefert er viele Gründe NICHT für Olympia zu sein. Er analysierte auch, dass die bisherigen Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft bis auf Katarina Witt alles „Männer im besten Alter“ waren und keine Sportler. Er plädiert für ein Leitungsteam, in dem auch Sportler sitzen und Partizipation über die Abstimmung hinaus. Er befürchtete, dass mit der Abstimmung über „Ja“ oder „Nein“ die Mitbestimmung für die Politiker erledigt wäre. Strategisch meinte er, dass es ungünstig ist, in einer Phase, wo beim IOC Bescheidenheit „gewünscht“ würde als kleinste Stadt das größte Budget zu haben. Eine für mich spannende Idee war: das olympische Dorf von Baugemeinschaften bauen zu lassen, die für die Zeit der Spiele noch nicht in ihre Wohnungen können, nach den Spielen jedoch in einen sich frisch entwickelnden, stadtnahen Stadtteil einziehen werden. Das würde Kosten sparen und dafür sorgen, dass da Olympische Dorf „kleinteiliger“ werden würde, was bei den Besuchern eine höhere Aufenthaltszufriedenheit zur Folge hätte. Auch darüber hat er Untersuchungen angestellt.

Maennig sagte jedoch auch, dass sich die Olympischen Spiele zu einem Event incl. Stadtentwicklung entwickelt hätten, durch die erfolgreiche Stadtentwicklung 1992 in Barcelona. So sei das eigentlich nicht gedacht gewesen, aus seiner Sicht sollte der Sport im Vordergrund stehen und nicht das, was die Bewerberstadt zusätzlich erzielen könne.

Am Ende nennt er seine Gründe für eine Bewerbung Hamburgs: Die Förderung des deutschen Spitzensportes würde effizienter werden, weil sie unter Druck geraten würde, mehr Medaillen zu produzieren. Derzeit würde viel Energie in ineffiziente Förderstrukturen gesteckt werden. Es würde ein positives Identifikationsgefühl entstehen, endlich wären die Bürger der Stadt einmal FÜR etwas, anstatt immer nur DAGEGEN zu sein.

Durch den ganzen Vortrag zieht sich für mich spürbar eine Leidenschaft für Exzellenz, Spitzenleistung. Ein Mann des Wettkampfes. Hin und wieder spricht er davon, was „wir, die Olympische Familie“ der Stadt geben könnten. Er gehört also zu dieser Familie. Nach dem Vortrag frage ich ihn, was denn die Olympische Familie zu meinem Vorhaben sagen würde. Er meinte, da habe er noch nicht drüber nachgedacht, er sei an der ökonomischen Seite der Spiele interessiert – er habe jedoch das Gefühl, dass die Familie auch noch nicht darüber nachgedacht habe. Er habe aber einmal Willi Daume vorgeschlagen, doch einen Rollstuhl-Marathon-Lauf innerhalb der Olympiade stattfinden zu lassen und auch Rollstuhlbasketball würde sich doch eignen. Er schlug gleich den Bogen, dass dann aber auch Menschen, die nicht im Rollstuhl leben, teilnehmen dürfen sollten. Im Gespräch streifte er kurz das Thema, dass Rollifahrer evtl. weniger Herz oder Lungen- Volumen hätten und deshalb naturgemäß von den anderen aus den Teams verdrängt werden würden. Er stellte die Frage, was denn daran so schlimm wäre, wenn in der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft 5 Läufer und 1 echter Rollifahrer spielen würden. Ich werfe ein, dass er doch aus dem Rudern die Gewichtsklassen kennen würde und es deshalb ungerecht wäre, wenn ein schwerer Ruderer mit einem leichteren rudern würde, dass also auch innerhalb der Olympischen Spiele nach Leistungspotential differenziert würde.

Sind die Paralympics „Mildtatspiele“/“Mitleidsspiele“? Dürfen hier im „wahren Wettbewerb“ Chancenlose auch mal das Gefühl von Erfolg erleben? Wenn das paralympische Spitzenathleten lesen, werden sie mich shitstormen. Vielleicht zu Recht. Was passiert, wenn man paralympische neben olympischen Wettbewerben stattfinden lässt? Es ist sehr komplex. Er fragte mich noch wer denn sicherlich der größte Gegner meiner Idee wäre und nannte den Präsidenten des paralympischen Sportverbandes, der wäre dann überflüssig/arbeitslos… Da bin ich seiner Meinung. Mir fällt auf, dass er in Nebensätzen immer zeigte, dass er (gefühlt alle) Olympiabewerbungen schon durchgerechnet habe.

Danach sprach ich noch mit einem Herrn von der ZEIT-Stiftung. Er fand meine Idee interessant und meinte, ob ich eine Kampagne planen würde und welche Mitstreiter ich schon gewonnen habe, bis wann ich denn mein Ziel umgesetzt haben wolle. Ich meinte, ich wäre alleine und würde es als klare Überforderung erleben, wenn ich die Umsetzung als Ziel hätte. Er meinte, wenn man im künstlerischen Bereich etwas anfange, dann wolle man doch das Endziel auch erreichen. Und da merke ich, wie unterschiedlich verschiedene „Szenen“ ticken. Hier ist alles auf einen bürgerlichen Leistungsbegriff gestimmt/getrimmt. Zusammengehörigkeit/Gemeinschaftsgefühl in Bezug auf Olympia ist als Leistung/Erfolg/Ertrag auch ein mögliches Ziel, aber auf jeden Fall muss etwas erreicht werden. Wenn er zB. ein Musikstück einüben würde, dann würde er von sich erwarten, es durch viel üben zu beherrschen, zur Meisterschaft zu gelangen. Was ist Meisterschaft in der zeitgenössischen, heutigen, in diesem Moment von mir vertretenen Kunst? Am schicksten Scheitern?

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